Trabrennbahn Farmsen historisch
Im Renntrab zu Glanz und Glorie
Einst zählte sie zu den bedeutensten Pferde-Rennbahnen Deutschlands, dann lag die Trabrennbahn Farmsen fast zwei Jahrzehnte brach und bot Tieren und Pflanzen ein einzigartiges Refugium inmitten der Großstadt Hamburg.
Manchmal sind alter guten Dinge Vier: im 19ten Jahrhundert hatte es schon drei Versuche in Wandsbek gegeben, eine Trabrennbahn zu etablieren, doch alle Rennbahnen mussten schon nach wenigen Jahren ihre Pforten wieder schließen. Mal waren Pachterhöhungen daran schuld, ein andermal das vom Kaiser erlassene Wettverbot, durch dass zwischen 1881 und 1885 die Wetteinnahmen und damit auch die Zuschauer ausblieben. Erst der vierten Trabrennbahn am Rande Wandsbeks sollte Erfolg beschieden sein: der Trabrennbahn Farmsen.
Trotz der ersten drei gescheiterten Rennbahn-Versuche gilt Wandsbek als die Wiege des modernen deutschen Trabrennsports. Denn 1874 fanden auf einer Koppel bei Groß-Jüthorn die ersten nach heutigem Standard gefahrenen Trabrennen Deutschlands statt. Die Vorläufer des Trabrennsports waren die zuerst ab 1847 veranstalteten Ein- und Zweispänner-Rennen, die Schlitten-Rennen und das weit verbreitete Trabreiten. Das wachsende Interesse des Publikums an Trabrennen führte gegen Ende des 19ten Jahrhunderts dazu, dass immer mehr Rennbahnen entstanden und sich zahlreiche Zucht- und Rennvereine bildeten.
Es war der Wandsbeker Johann Giese, der sich an das erneute Unternehmen Trabrennbahn wagte. Er pachtete zusammen mit anderen einflußreichen Hamburgern im Jahre 1910 das heutige Gelände der Trabrennbahn Farmsen und gründete die Trabrenn-Gesellschaft Hamburg-Farmsen mbh. Das stark zerklüftete Gelände beherbergte seit dem 17. Jahrhundert eine Ziegelei, deren viele Lehmgruben rechts und links des heutigen Tegelwegs sowie südlich des Berner Heerwegs lagen. Umfangreiche Erdarbeiten waren nötig, bis ein Jahr später, am 6. August 1911, die Rennbahn eröffnet werden konnte und das erste Trabrennen in Farmsen statt fand. Am ersten Renntag starteten insgesamt 89 Pferde in sieben Rennen vor vollen Zuschauertribünen. In die Siegerliste trug sich unter anderem Charlie Mills ein, einer der berühmtesten Trabrennfahrer seiner Zeit. In den ersten zwei Jahren fanden über 20 Renntage pro Jahr statt, dann begann der 1. Weltkrieg: mangelnder Hafer und fehlende Transportmöglichkeiten bedeuteten fast schon wieder das Aus der Rennbahn. Doch am Ende überstand sie die Kriegszeiten und 1917 wurden bereits wieder 130 Pferde in den Farmsener Stallungen trainiert. Von da an ging es steil bergauf in die "Goldenen 20er". Die Creme de la Creme der deutschen Traber-Szene gab sich in Farmsen regelmäßig ein Stelldichein: Charlie Mills und sein Bruder Johnny, Albert Stegmann, Walter Heitmann und viele andere Wegbereiter des Trabrennsports. In den 20er Jahren entstanden, nachdem in einigen kalten Wintern die Zuschauer ausgeblieben waren, beheizte Wetthallen und ein Restaurant, von dem aus man bequem die Rennen verfolgen konnte. 1923 wurde für die zahlreichen Besucher der Trabrennbahn sogar eine eigene U-Bahn-Haltestelle eingerichtet (heutige U1). Bis Ende der 20er Jahre hatte sich die Trabrennbahn Farmsen zu einer der modernsten und führenden Rennbahnen Deutschlands entwickelt - bis ein dramatisches Unglück den Aufschwung jäh stoppte. Am 8. Juli 1929 vernichtete ein Großfeuer die Stallungen am heutigen Friedrich-Ebert-Damm, dabei fanden viele wertvolle Zucht- und Rennpferde den Tod in den Flammen.
Von Glanz und Glorie in die Vergessenheit
Nach dem Brand 1929, in dem Stallungen zerstört wurden und wertvolle Pferde den Tod fanden, fielen die Rennen aus. Aber 1930 ging es mit der Rennbahn wieder bergauf. Das berühmteste Pferd in den 30ern war "Probsr" vor dem Sulky von Charlie Mills. Die beiden gewannen fast jedes große Rennen in Deutschland. Probst stellte einen Bahnrekord auf: er schaffte 2080 Meter in gerade mal 1,17 Minuten. Dieser Rekord wurde erst 1972 gebrochen. Berühmte Rennfahrer damals waren neben Charlie Mills auch Johannes Frömming, der in 8 Jahren 2152 Siege im Rennoval herausfuhr, sowie Walter Heitmann. Nach diesen drei herausragenden Persönlichkeiten sind rund um die Trabrennbahn drei Straßen benannt. Auch eine Farmsener Stute stand auf den Siegerlisten: "Holsate" stammte aus der Zucht von Johann Giese, dem Gründer der Trabrennbahn. Sie wurde von Josef Schmidthuber vom Gestüt Lehmbrook gleich neben der Trabrennbahn trainiert. 1936 erhielt die Bahn Flutlicht, nun fanden auch am Abend gut besuchte Rennen statt. Während des Krieges gingen die Rennen zunächst weiter. Nach dem verheerenden Bombenangriff im Juli 1943 diente die Trabrennbahn als Sammelstelle für die obdachlosen Hamburger und 1944 wurde die Bahn durch Bombentreffer zerstört. Doch schon im Dezember 1945 fand das erste Nachkriegsrennen statt. Die Farmsener Rennbahn erlebte noch einmal einen Aufschwung, als sie nach 1953 dank eines bisher unbekannten Bahnbelags zum schnellsten Geläuf Europas wurde. Sogar Qualifikationsrennen für die Weltmeisterschaften fanden in Farmsen statt. Doch die Besucherzahlen gingen bereits zurück. Das Interesse am Trabrennen erlahmte und 1966 musste die Trabrenngesellschaft Konkurs anmelden. Das 24 ha große Gelände wurde an die Familie des industriellen Max Herz (Tchibo) verkauft. Acht Jahre blieb es still um die Bahn, dann wurde sie mit neuen Tribünen wiedereröffnet. Mehrere Monate ließ sich das Publikum noch locken, dann war endgültig Schluss: eine einzige Trabrennbahn reichte Hamburg künftig, und die Bahn in Hamburg-Bahrenfeld bekam den Zuschlag. Am 25. Februar 1976 fand der letzte Renntag in Farmsen statt und die Rennbahn versank hinter ihren Bretterzäunen in die Vergessenheit.
Aus der Vergangenheit zu neuem Ansehen
Am 25. Februar 1976 fand das letzte Rennen in Farmsen statt, dann schloss die Bahn ihre Pforten zu Gunsten der Trabrennbahn in Bahrenfeld für immer. Da das Gelände im Privatbesitz war und keine Veranstaltungen mehr stattfanden, setzte kaum noch ein Mensch seinen Fuß auf das nun stillgelegte Gelände. In den alten Gebäuden verbrachte wohl manch Obdachloser ein paar Nächte und manch Kind wird den menschenleeren Ort als Abenteuerspielplatz für sich entdeckt haben. Die Tribünen verfielen zusehends, Sträucher und Büsche ergriffen Besitz vom Rennoval. Stille lag über der Rennbahn und mit ihr stellten sich schon bald Tiere ein, die es sonst nicht sehr häufig im Stadtgebiet zu sehen gibt: Raubvögel wie Baumfalke, Bussard und sogar Eisvögel, die in den Teichen jagten. Fast 15 Jahre lag die vergessene Oase unberührt von Lärm und Puls der Stadt gut versteckt hinter ihren schiefen Bretterzäunen. Dann, Ende der 80er Jahre entstand die Idee, das Gelände in einen grünen Wohnpark zu verwandeln. Die Idee reifte und 1992 fand ein städte- und landschaftsplanerischer Ideenwettbewerb statt, an dem sich zehn Büros aus ganz Deutschland beteiligten. Den ersten Preis des Wettbewerbs erhielten die Planungsgruppe Prof. Laage und die Landschaftsarchitekten Möller + Tradowsky. Ihr Entwurf überzeugte alle, sah er doch vor, die Seele der Trabrennbahn und ihre Historie zu erhalten. Die Häuser sollten im Oval genau auf der alten Rennbahnstrecke entstehen. Mit ihren Fassaden und schrägen Dächern sollten sie sich dem Inneren der Rennbahn zuwenden wie ehemals die Tribünen. Der alte Baumbestand sollte ebenso wie die Ziegeleiteiche erhalten bleiben und das gesamte Innere des Rennovals völlig frei von Bebauung bleiben. Spielflächen für Kinder, autofreie Zonen und ein Park vor der Haustür: Das war die Grundidee "Wohnen im Grünen". Ganz neu und ungewöhnlich war an dem Entwurf außerdem, dass er öffentlich geförderten Wohnungsbau und höchste Wohnqualität miteinander verband. Die Gewinner standen fest, nun hieß es an die Arbeit gehen. Die Entwürfe mussten ausgearbeitet, die baubehördlichen Genehmigungen eingeholt werden. Als Vertreter der Interessen und Aufgaben des Bauherren wurde die Firma Gator eingesetzt, die von nun an auch alle an dem Projekt beteiligten Architekturbüros, Landschaftsplaner und andere Firmen koordinierte. Endlich, im September 1995, begannen die Arbeiten am 1. Bauabschnitt. Ein gutes Jahr später, im Dezember 1996, waren die ersten Wohnungen bezugsfertig und Ende 1997 wurden die Arbeiten am 2. Bauabschnitt aufgenommen. Anfang 2000 wurde die letzte der insgesamt rund 1.170 Wohnungen fertiggestellt. Seitdem hat sich die Anlage zu einer einzigartig grünen Wohninsel inmitten der Großstadt Hamburg entwickelt - und konnte schon viele internationale Städtebau-Preise einheimsen. So kam die vergessene Trabrennbahn Farmsen am Ende wieder zu neuem Ruhm und Glanz.
|